31 Juli 2018

Urlaub

— geschrieben von Peter Lengwenings

Wetten, dass die Meisten von uns Origamisten waren - ansonsten wären wir früher mit dem Auto nicht ans Reiseziel angelangt.
Und überhaupt unterscheidet sich Urlaub früher und heute in vielen Punkten, die nicht immer mehr Erholung bringen.

Ich bekenne mich öffentlich dazu. Auch ich war ein Origamist. Und Sie bestimmt auch – ohne es vielleicht zu wissen. Keine Sorge, es ist keine Ferkserei. Vielmehr eine fingerfertige Meisterleistung auf Basis der asiatischen Papierfaltkunst – kurz: Origami. Dieses Handwerk mussten Sie perfekt beherrschen, wenn Sie früher treffsicher ins gelobte Reiseziel gelangen wollten. In Zeiten des aufblühenden Wirtschaftswunders waren das Klassiker wie Balaton, Ostsee, Gebirge oder gar der beliebte `Teutonengrill Italien´, wohin sich alljährlich wahre Blechlawinen den Weg über die Alpen bahnten. In prä-digital-navigatorischen Zeiten der 70er und 80er Jahre bediente man sich nämlich analogen Papier-Kartenmaterials, das man als ordentliches ADAC-Mitglied vor Reiseantritt überreicht bekam. Die `gelben Pfadfinder` hatten die Idealroute zum Urlaubsort per Leuchtmarker kunstvoll in die gefühlt 3x3 Meter großen Straßenkarten eingraviert. Kennzeichnungen nach der kürzesten oder schnellsten Route waren im Vokabular noch nicht vorgesehen. Es war jedes Mal eine Herausforderung, die Strandtuch-großen Karten wieder ins ursprüngliche Format zu falten.

Während der Fahrt bildeten sich die Kinder unterhaltsam fort, indem sie emsig Autokennzeichen errieten,  gemeinsam „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“ spielten oder fremde Währungen nach aktuellem Wechselkurs umrechneten. Zur Erfrischung gab´s entweder lauwarme „Capri-Sonne“  oder Sunkist aus der Papp-Pyramide mit Strohhalm, den man vorsichtig vom Klebe-Siegel entfernen musste. Konkurrenzlos ist dagegen heutzutage der Blick auf die hinteren Kopfstützen. Dort hypnotisieren eingebaute DVD-Player mit „Ice-Age“, “Shrek“ oder „Herr der Ringe“, stimulieren Spiele-Apps  auf dem Tablet und belohnt eisgekühlte Cola beim nächsten Mäckes oder Burger-Stopp.

Monatelang vorausgegangen war der hoffnungstönerne Ausspruch „Endlich! Bald ist sie da - die schönste Zeit im Jahr“. Damit war der Jahresurlaub gemeint, der - anders als heute - tatsächlich nur einmal im Jahr angestrebt und akribisch vorbereitet wurde. Heute haben viele „viele schöne Zeiten im Jahr“, denn die Urlaubstage parzellieren sich zunehmend in Kurztripps – schließlich will man mehr von der Welt sehen. Doch manchmal bleiben nur flüchtige Momentaufnahmen. Traditionelle Stammgäste werden dadurch seltener. Früher wurden daheim unzählige Urlaubskataloge gewälzt oder man ließ sich bei einer Audienz im Reisebüro des Vertrauens stundenlang die Vorzüge der Glückseligkeiten detailliert erläutern. Aufmerksam lauschte man den Ausführungen des scheinbar welterfahrenen Globetrotters, um sich fantasievoll ein Bild vom unbekannten Ort zu machen. Heute zoomt man sich mittels 3D-Viewer mit Google-Maps auf den Liegestuhl, um festzustellen, dass nebenan tatsächlich keine lärmende Baustelle ist und die 120 Meter entfernte Taverne den Grill-Teller Thessaloniki im Angebot hat. Die Webcam fängt sogar den Sonnenuntergang im Hafen ein. Vieles war damals eher wie eine Wundertüte. Auf der Strecke bleibt manchmal der Reiz des Unbekannten. Heutzutage ist das Meiste im Alltagsgebrauch angekommen. Restaurantbesuche finden halt nicht mehr nur allein im Urlaub statt. Und exotische Speisen, Getränke und Früchte sind allerorts und ständig verfügbar.

Apropós, Alltag. Wollte und sollte man dem nicht im Urlaub entfliehen? Früher reichte ein Anruf aus einer endlich gefundenen und eroberten Telefonzelle im kryptischen Telegrammstil „Sind gut angekommen. Hotel und Essen prima. Meer ist warm. Tolle Landschaft. Bis bald.“ Danach war Schluss mit Rapport. Hobby-Fotografen konnten sich voll und ganz auf die 36 Motive konzentrieren, die ein herkömmlicher Farbfilm ermöglichte. Neugier und Spannung hielten bis nach dem Urlaub an, wenn die fertigen Papierabzüge endlich abholbereit waren. Wieder eine zauberhafte Wundertüte. Smartphone, Facebook, Instagram und Whatsapp sorgen heute dafür, dass die treue Community am verregneten Heimatort fast im Stundentakt mit lebenswichtigen Botschaften und kreativen Selfies malträtiert wird. Selbst als Individual-Urlauber kann und sollte man eins tun: Pauschal abschalten. Auch ein Schritt zurück, kann Fortschritt sein. Nur bitte nicht bei den rollbaren Koffern. In dem Sinne wünsche ich: „Schöne Ferien!“