26 November 2018

Urlaub , Sport und Fitness

— geschrieben von Johannes Wadle, salvea Idar-Oberstein

Über die Herausforderung des Rucksackpackens und die Kunst, zwischen Nützlichem und Ballast zu unterscheiden.

Es geht los

Wir bereiten uns knapp ein Jahr lang vor, sammeln Erfahrungen und Kilometer, erproben unsere Grenzen. Ausrüstung, Schuhe, Bekleidung. Wanderungen im Flachland, Mittelgebirge und im Gebirge bis 2000 Meter. Der große Tag rückt am Ende immer schneller näher.

Es geht los: In dieser Zeit ächzt Deutschland gerade unter der sommerlichen Hitzewelle. Tagsüber zeigt das Thermometer 37 Grad im Schatten und mehr an.

Ich versuche meinen Rucksack so zu betrachten, als würde ich in wenigen Minuten eine Berghütte verlassen, während draußen einstellige Temperaturen und Regen herrschen. Und das fällt nicht ganz leicht. Weste als Windstopper? Ja. Fleecepulli? Ja. Etwas wärmere Wanderhosen? Ja. Regenjacke, Regenhose, Handschuhe? Ja.

(Oh Mann ist das heiß hier, wo steht eigentlich das Mineralwasser...?)

Alles, was wir in den nächsten Tagen brauchen werden MUSS in unseren Rucksäcken zu finden sein. Während man sich bei anderen Urlauben sagen kann: „Naja, dann kaufen wir halt vor Ort was nach“ ist das hier nicht so einfach möglich. Ich kontrolliere vor unserer Abfahrt noch zwei weitere Male den Rucksack. Okay, passt. Also los.

 

Braucht es das wirklich??

Als wir uns abends mit unserer Wandergruppe und Wanderführerin in einem Gasthof treffen wird eine ganz andere Frage immer wieder gestellt: Braucht es das wirklich? Wir werden daran erinnert, dass wir alles, was wir in den Rucksack packen in der folgenden Woche auf dem Rücken mit uns tragen werden.

Vieles mag anfänglich sooo nötig erscheinen, entpuppt sich dann aber letzten Endes als Ballast... Mir drängt sich kurz der Gedanke auf, dass das nicht nur für Rucksäcke gilt.

So muss es auch der Person ergangen sein, die es für eine gute Idee hielt ihren Rucksack mit einer Vorteilspackung Duschgel vollzustopfen (Drei Großpackungen zum Preis von einer.). Was sie mit einer solchen Menge Duschgel in nur einer Woche vorhatte wird für immer ungeklärt bleiben. Die Packung wurde später von einem anderen Wanderer an einem Aufstieg hinter einem großen Stein gefunden. Ballast.

Rat der Bergführerin: „Stellt Euch die Frage: Ist es diese Sache wirklich wert, dass ich sie mit mir trage?“ Beim Wandern ein praktischer Tipp, im übertragenen Sinne ein wirklich tiefgründiger Ratschlag. Etwas, worüber man auch im Alltag nachdenken könnte.

Ich kontrolliere ein drittes Mal für heute den Rucksack.... Bevor wir ins Bett gehen fliegen im letzten Moment noch drei weitere Dinge vom Rucksack ins Auto. Prädikat: Unnötig. Alpen, wir kommen!

 

Der erste Aufstieg

Wir beginnen unseren ersten Aufstieg durch den Sperrbachtobel. Üppiges Grün, ein rauschender Bergbach und felsiges Gestein bestimmen das Bild. Ich muss aufpassen, wohin ich meinen Fuß setze. Erst mal – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Laufen kommen. Wir sind vollauf beschäftigt.

An einer Rast habe ich endlich Gelegenheit ein paar Bilder zu machen. Beim Blick zurück ist die Spielmannsau nach etwa zwei Stunden Tour schon längst aus dem Bild verschwunden – wir sind etwa schon in der Mitte der Tagesetappe angelangt: Die dünne waagerechte Linie in der Bildmitte (die, die man kaum sieht) ist der europäische Fernwanderweg E5.

Nach weiteren zwei Stunden kommt unser Tagesziel, die Kemptener Hütte auf etwa 1800 Meter Höhe, in Sichtweite.

 

Kleines Paradies auf 1800 Meter Höhe

An der Kemptener Hütte angekommen eröffnet sich das Paradies: Es gibt frischen Apfel-Käsekuchen, Kaffee und andere Leckereien. Wir genießen ohne schlechtes Gewissen – denn schließlich haben wir in den letzten vier Stunden ja genügend Kalorien verbrannt um damit ein Freibad heizen zu können.

Andere Dinge sind hier oben aber nicht ganz so selbstverständlich: Warmes Wasser zum Duschen zum Beispiel. Wer kalt duscht kommt in den Genuss einer unglaublich erfrischenden Erfahrung, da das Wasser hier oben doch ein paar Grad kälter frischer ist als im Tal. Energieschub gratis.

Wer warm duschen will benötigt Kleingeld für den Münzautomaten. Das kann dazu führen, dass etwas langsamere Zeitgenossen während der Dusche noch einmal mit eingeschäumtem Haupthaar aus der Dusche steigen müssen, um unter Flüchen nach passendem Münzgeld zu kramen.

(Die wahre Herausforderung an Tag 1 ist es in dieser Situation nicht zu lachen. Steht in keinem Reiseführer – einfach in den Waschraum gehen und warten.)

Am späten Nachmittag begegnet mir ein älterer Herr im Treppenhaus. Ich bin neugierig und frage ihn, wie alt er ist. Er sei 74 Jahre, schränkt aber entschuldigend ein, dass er den E5 von Oberstdorf nach Meran mittlerweile nur noch einmal im Jahr gehe – und auch nur in geführten Touren.

Whow. Man muss sich halt echt überlegen, was einem wichtig ist und was nicht. Das Thema scheint sich durch zu ziehen.

Hier oben ist alles etwas einfacher und klarer als im Alltag. Man beschränkt sich auf das wirklich Nötige. Ein Spruch in der Kemptener Hütte bringt es auf den Punkt: „Hier gibt es alles was Sie brauchen. Was es hier nicht gibt brauchen Sie nicht.“

Wir werden mit einem Abendpanorama aus dem Bilderbuch belohnt; untermalt von Kuhglocken, die im Sommer niemals verstummen. Auch nachts nicht. Selbst die Kühe wissen, was Ihnen wichtig ist. Ist bei der exzellenten Verpflegung hier oben auch nur zu verständlich.

Soviel zum Thema Anfängereuphorie. Dass das Ganze eine echte Anstrengung werden würde haben wir später noch erfahren. Bis nächste Woche!

 

Ein Teil des Bildmaterials für diesen Blog wurde uns freundlicherweise durch den Fotografen Andi Schwing zur Verfügung gestellt. Viele Dank! Mehr von ihm finden Sie auf Instagram unter andi.schwing.

Kemptener Hütte auf etwa 1800 Meter. Na, gefunden?
Die dünne waagerechte Linie in der Bildmitte (die, die man kaum sieht) ist der europäische Fernwanderweg E5.
Muss ich noch was sagen??