03 Dezember 2018

Urlaub , Sport und Fitness

— geschrieben von Johannes Wadle, salvea Idar-Oberstein

Ähem ... wo ist der Berg hin?

 Ähem, .... wo ist der Berg hin? denke ich mir, als ich am nächsten Morgen um 5:52 Uhr den Kopf aus dem Fenster halte. Wir hatten über Nacht einen kleinen Wetterumschwung, heimlich, still und leise. Es ist ziemlich kühl geworden.

War doch eine ganz gute Idee, die Regensachen gewissenhaft zu überprüfen, denn wir brauchen heute alles. Eingepackt von Kopf bis Fuß, Schutzhülle über dem Rucksack laufen wir um 7 Uhr los wie bunte Schildkröten

 

Auf den Spuren der Vorfahren

Nach kurzem Anstieg erreichen wir das Mädelejoch (ca. 2000 Meter). In vergangenen Zeiten wanderten Kindergruppen aus kinderreichen Familien aus dem Lechtal in die andere Richtung. Allerdings nicht zum Vergnügen, sondern in Begleitung eines Priesters, bei Schnee und ohne Schuhe (!). Es gab zu Hause nicht genug zu essen und so hatten sie wenigstens die Möglichkeit, sich als Helfer bei Bauern im Allgäu ihr Brot zu verdienen. Jahrhunderte später überqueren wir die Landesgrenze hier in die andere Richtung. Nicht aus Not, sondern zum Wandern: Wir sind ab jetzt in Österreich.

Beim darauffolgenden Abstieg nach Holzgau hört es zum Glück auf zu regnen und auch der Wind wird etwas angenehmer. So haben wir wenigstens etwas von Europas längster Drahtseilhängebrücke (200 Meter) für Wanderer.

 

Nebel, dünne Luft, kalt

Nach dem Mittagessen und einem kurzen Bustransfer geht es an den Aufstieg zur Memminger Hütte. Das Wetter ist sich treu geblieben und man sieht absolut – wenig. Deshalb gibt es von dieser Passage von mir leider keine Bilder. Was ich zunächst umso bedauerlicher finde, als es weiter oben plötzlich im Nebel die ersten Steinböcke zu sehen gibt. Unsere Mitwanderer hatten da mehr Erfolg. Die Steinböcke zu fotografieren ist eine Herausforderung, wenn als Einschränkung zum Wetter auch noch die Mitwanderer hinzukommen (Zitat aus der Gruppe: „Ach Mensch, jetzt wollt ich grad nen Steinbock fotografieren und dann läuft mir plötzlich ein Rindvieh durchs Bild.“). Wandern bringt die Menschen einander näher.

Das Tagesziel der Etappe, die Memminger Hütte, kommt uns sehr gelegen - allerdings sind die Schlafräume ungeheizt. Es gibt einen Ofen, doch der steht im Speiseraum. Das bedeutet, dass wir heute Nacht bei etwa 10 Grad in Pulli und Ersatzwanderhose schlafen werden.

In unserer Vorbereitung für die Tour waren wir in Österreich und sind dort Touren um 2000 Meter Höhe gegangen. Problemlos. Jetzt sind wir auf gut 2200 Metern und ich spüre zum ersten Mal die Effekte der Höhe: Der Atem geht etwas schwerer und ich fühle mich ganz leicht benommen. Würde ich die Vorbereitung nochmal machen, würde ich nach und nach in größeren Höhen trainieren, damit mein Körper die Effekte bereits kennt und sich schneller anpassen kann. 2000 Meter waren für mich nicht ausreichend (Falls jemand die Tour auch gehen will: Merken!).

Am nächsten Morgen zeigt sich das Wetter versöhnlicher, die Höheneffekte bei mir auch.

 

„Leistungssport“ Wandern

Ich hätte mir vor einem Jahr ja nie vorstellen können, was für eine sportliche Herausforderung das Wandern darstellen kann.

Es geht nun um 7 Uhr von der Hütte zur Seescharte auf 2600 Meter. Obwohl es nur 400 Höhenmeter Unterschied sind wird das Ganze zu einer Bewährungsprobe. Mit einem 11 kg Rucksack auf dem Rücken und dünner werdender Luft klingt mein Atem mehr nach einer alten Dampflok als nach Wandern. Die letzten Meter haben etwas von einer Klettereinlage. Auf allen Vieren geht es für mich über die Seescharte. Der plötzliche Ausblick ins Inntal ist atemberaubend schön. Ich überlege kurz, ob ich diesen Moment im Bild festhalten soll, entschließe mich dann aber doch zum Festhalten am Berg. Erschien mir lohnenswert.

Der weitere Weg nach Zams ist ein gutes Training für die Oberschenkelmuskulatur – aber auch ein Härtetest: Es geht knapp 2000 Höhenmeter abwärts. Wer Probleme mit den Knien hat sollte sich diese Etappe gut überlegen. Zum Vergleich: Man nehme eines der großen Frankfurter Hochhäuser (z.B. den Messeturm) mit etwa 250 Meter Höhe und gehe von oben zu Fuß nach unten. Mit Gepäck natürlich. Insgesamt acht Mal hintereinander.

Diese Strecke wird nur bei vertretbarem Wetter begangen, der Weg ist teilweise anspruchsvoll. Wir waren froh die Wetterentscheidung unserer Bergführerin überlassen zu können. Wären wir alleine unterwegs gewesen, hätten wir als Flachlandtiroler von dieser Tour die Finger gelassen.

 

Verdienter Feierabend

Nach mehreren Stunden Abstieg kommen wir in Zams an und werden abermals mit einer wunderschönen Abendstimmung belohnt.

Mir wird bewusst, was für ein unglaubliches Glück ich habe, diese Tour gemeinsam mit meiner Frau gehen zu können. Mehrere unserer Mitwanderer erzählen, dass sie diese Tour auch gerne mit ihrer Ehefrau gegangen wären. Diese würden „so etwas“ allerdings nie mitmachen.

Wieso manche auf die Idee kommen, auf einer Höhe von 2750 Metern Fahrrad fahren zu wollen und was in einer Hütte bei 200 Wanderern und 2 Duschen so passiert, das werden wir nächste Woche noch sehen. Bis dahin!

 

Ein Teil des Bildmaterials für diesen Blog wurde uns freundlicherweise durch den Fotografen Andi Schwing zur Verfügung gestellt. Viele Dank! Mehr von ihm finden Sie auf Instagram unter andi.schwing.

Die Memminger Hütte ist urgemütlich.
Keine Sorge, das gute Stück ist für 600 Personen gleichzeitig ausgelegt.
Zams